Es ist mal wieder an der Zeit...



Es ist mal wieder an der Zeit. Das Lied von der DDR wird gesungen und jeder, der etwas auf sich hält, stimmt mit ein. Der Auslöser ist diesmal der Film "Das schweigende Klassenzimmer". In Kommentaren und Feuilletons liest man z.B.: "Was war das für ein Scheißland..." (O-Ton). Und nun müssen alle mit einstimmen in diesen Gesang: "Natürlich vermisst man das Land nicht, aber..." (O-Ton).

Ich habe den Film noch nicht gesehen, ich will auch gar nicht über ihn schreiben. Mir geht es um etwas anderes.
Ich habe 35 Jahre in der DDR gelebt, bin dort geboren und aufgewachsen. Meine Eltern waren so normal, wie man nur sein konnte, bis auf die Tatsache, dass ich eins von von 9 Kindern war. Ich frage mich manchmal, wie wäre unser Leben gewesen in Westdeutschland? Mein Vater war durch einen Unfall im Jugendalter schwerbehindert, hat aber sein Leben lang arbeiten können. Meine Mutter war, verständlicherweise bei 9 Kindern, eine der wenigen Hausfrauen, die es bei uns gab. Das Leben war für unsere Familie kein Zuckerschlecken, auch nicht in der DDR.
Wir wohnten in einer großen, ehemals herrschaftlichen Wohnung und keiner hätte gewagt uns vor die Tür zu setzen. Uns keine Wohnung zu geben, wegen der vielen Kinder oder weil wir die Miete nicht zahlen konnten, war undenkbar. Wie wäre es hier im Westen gewesen? Ich weiß es nicht, aber ich bin froh, dass wir unsere Kindheit in der DDR verleben konnten.
Unendlich viele Dinge hätten verbessert und verändert werden müssen. Natürlich war die DDR fehlerhaft, sehr sogar. Trotzdem macht mich die Frage, die ich vor zwanzig Jahren immer wieder hören musste: "Wie konntet ihr dort nur leben?", außerordentlich wütend. Welch ein Überlegenheitsdenken.

In diesem Land bin ich ein kritischer, selbst denkender, politischer Mensch geworden. Diesem Land habe ich meine Sicht auf die Ungerechtigkeiten der Welt zu verdanken, aber auch die Tatsache, dass man mit einer Postkarte Menschen aus dem Gefängniss holen kann, dass man auch als Kind etwas bewirken kann.
Dort habe ich gelernt, dass nicht der Pharao die Pyramiden gebaut hat, sondern die tausenden Sklaven, die in seinem Namen geschunden wurden. Ich habe gelernt zu fragen, wem nutzt es. Aber das Wichtigste, das ich gelernt habe ist, dass nicht die Freiheit des Einzelnen oberstes Gebot ist, sondern Freiheit immer im Zusammenspiel mit der Menschheitsfamilie zu denken ist.

Wenn Freunde mir erzählen, in ihren Ländern hat es Diktaturen, schreckliche Zeiten und Zeiten voller Gewalt gegeben, aber sie haben dagegen gekämpft und haben dadurch Veränderungen herbeigeführt, werde ich neidisch. Denn es ist immer noch da, ihr Land.
Mein Land gibt es nicht mehr, ausradiert, übernommen. Darf ich öffentlich sagen, dass ich dieses Land geliebt habe? Und ich habe es geliebt, trotz aller Unzulänglichkeiten, trotz der Repressalien gegen bestimmte Menschen, trotz der Machtbesessenheit der Regierung.
Ja, jemand der anders war hatte es schwer. Christen hatten es schwer. Zweifler hatten es schwer. Andere Ansichten und Lebensentwürfe hatten es schwer. Das ist eine Tatsache und ich will sie auch gar nicht klein reden. Es musste sich vieles verändern, dafür sind wir auf die Straße gegangen. Christa Wolf sagte in ihrem Buch "Ein Tag im Jahr": "Wir hatten für einen sehr kurzen geschichtlichen Augenblick, an ein ganz anderes Land gedacht, das keiner von uns je sehen werde." Das ist eine traurige Erkenntnis. Wir sind einer Utopie nachgejagt. Dieses kleine Land, dass sich wirtschaftlich gerade noch so über Wasser hielt, durfte nicht bleiben.

Ich frage mich oft, wo liegen für mich die grundlegendsten Unterschiede zwischen der DDR und dem wiedervereinigten Deutschland? Im Laufe der Zeit ist mir klar geworden, dass es sich für mich in einem Wort kulminiert: Prioritäten.
Die DDR war ein Land mit Prioritäten, die so diametral denen gegenüberstehen, die ich heute hier erlebe. Es war ein Land, das für die Menschen da sein sollte. Allen sollte es gut gehen. Was "gut" hieß, war in dem was die Regierung meinte und dem was die Menschen wollten oft sehr unterschiedlich. Deshalb sind wir ja auf die Straße gegangen, aber das war trotzdem die Ausrichtung.

Wenn ich hier im Westen von der DDR lese, dann meist von Menschen, die nie in der DDR gelebt haben. Warum ist das wohl so? Auch diese Frage lässt sich mit einem Wort beantworten: Ostalgie.
Jeder darf sich an gutes und schlechtes in der Vergangenheit erinnern, darf nostalgisch sein. Ehemalige DDR-Bürger dürfen das nicht, denn dann sind sie "ostalgisch" und Ostalgie ist ein Schimpfwort, ein "das-geht-gar-nicht-Wort". Wir dürfen uns nicht erinnern, außer natürlich an die Stasi. Jeder, auch der, der nicht die geringste Ahnung hat, wie sich das angefühlt haben mag, in den Krallen eines Geheimdienstes gefangen zu sein, darf dazu seine Meinung sagen.

Nein, es war kein "Scheißland". Es war ein Land wie jedes andere, mit schrecklichen und guten Zeiten, mit Menschen die Gutes wollten, was nicht immer gut wurde. Mit Künstlern wie Christa Wolf, Anna Seghers, Konrad Wolf, Tamara Danz, Lea Grundig, Gisela May, Wolfgang Matheuer, Gerhard Gundermann, von denen heute hier im Westen kaum jemand etwas weiß. Mit Politikern, die um jeden Preis an der Macht bleiben wollten und glaubten, sie wüssten alles besser als die Bevölkerung. So wie überall.
Mit Menschen die den Wunsch nach einem besseren Leben für ihre Kinder hatten, Menschen die Anerkennung für ihre Leistungen und ein Leben ohne Armut wollten. Menschen die von einer besseren Welt träumten, nicht nur für sich, sondern für alle Menschen. Einfache Menschen mit manchmal zu einfachen Träumen.
Ich vermisse diese Menschen und ich vermisse dieses Land.

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