"...und ich fürchte, ich begehre große, tiefe und wunderbare Dinge" Helene Schjerfbeck

Selbstbildniss, 1912
Ich lernte sie vor Jahren in Hamburg kennen. Ich hatte noch nie von ihr gehört. Ausgestellt in der Hamburger Kunsthalle, in der gerade die riesige Austellung "Das schwarze Quadrat" lief, hätte ich sie beinahe übersehen. Die wachen Augen auf dem Ausstellungsplakat machten mich neugierig.

Helene Schjerfbeck war Zeitgenossin der großen französischen Impressionisten und stellte wie sie mehrfach im Pariser Salon aus. Werke von Cezanne und Manet hatten ihr gezeigt, dass man sich von den akademischen Ansätzen lösen muss, um etwas eigenes zu schaffen. Eine Impressionistin indess wurde sie nicht. Sie entwickelte ihren eigenen, expressiven Stil.
Obwohl sie die meiste Zeit weitab von den großen Zentren der damaligen Kunstszene, in den Tiefen Finnlands lebte, wusste sie sehr wohl Bescheid über die verschiedenen Entwicklungen, die in Europa stattfanden.
Im Gegensatz zu den großen Franzosen blieb sie allerdings hierzulande weitgehend unbekannt. Zu Unrecht.

Schjerfbeck, in Finnland geboren, war durch einen Unfall in jungen Jahren, ein Leben lang gehandicapt. Der Vater ermöglichte ihr, trotz sehr schwieriger finanzieller Verhältnisse, den Besuch der Zeichenschule der Kunstgesellschaft in Helsinki. 1880 geht sie erstmals nach Paris. Dort lernt sie in verschiedenen privaten Kunstschulen  und im Louvre. 1883 stellt sie zum ersten Mal im "Salon" aus.
Trocknende Kleider, 1883

Wie alle Künstlerinnen dieser Zeit musste sich auch Helene Schjerfbeck immer wieder mit dem männlichen Chauvinismus auseinandersetzten. Kritiker setzten die Leistungen von Künstlerinnen herab und bezeichneten sie als "radikale Naturalistinnen".
J.J. Tikkanen schrieb 1885 im Helsingfors Dagblad: "Von 45 ausgestellten Malern sind nicht weniger als 21 Frauen! Diese verblüffende Tatsache dürfte sich teilweise dadurch erklären, dass die Kunst sich als Hobby eignet. Aber unter den Frauen sind auch viele, die ihre Sache vollkommen ernst nehmen. Es ragt jedoch keine von ihnen über das Mittelmaß hinaus, obwohl die ein oder andere die Hoffnung weckt, dass sie es noch tun wird." A. Berndtson schrieb 1885, Frauen seinen leichter zu beeinflussen, weniger kritisch und deshalb geneigter, sich auf Neuheiten zu stürzen und nicht "sich am unzweifelhaft Vorzüglichen" festzuhalten.
Die Tür, 1884

Um 1890 geht sie zurück nach Finnland und ist dort in verschiedenen Ausstellungen vertreten. 1895 nimmt sie einen Fünfjahresvertrag als Zeichenlehrerin, an der Zeichenschule der Kunstgesellschaft, an. An dieser Zeichenschule sind vom Beginn ihrer Gründung an, 1846, auch Frauen zugelassen.
Alte Frau, 1907
Diese Jahre sind immer wieder von Krankheit gezeichnet. 1902 beendet sie ihre Lehrtätigkeit wegen ihrer anhaltend schwachen Gesundheit. Sie zieht sich weiter zurück, hört aber niemals auf zu malen.
Ihre Motive sind meist sehr einfache Menschen. Nach ihren Aussagen gibt es keine besseren oder schlechteren Menschen sondern nur malerische und weniger malerische. Sie versucht die Gemütslage, die Seele ihrer Modelle zu erfassen. So malt sie z. B. 1907 die "Alte Frau", über die Schjerfbeck schrieb: "Ihr Name ist Mommo, sie will, dass man sie so nennt, sie hat ihren Mann verlassen und sich ein eigenes Haus in Hyvinkää gebaut, in dem vier der Kinder wohnen." Sie malt kranke Kinder, Dienstmädchen, Näherinnen, ihre Mutter und sich selbst.

Diese Selbstbildnisse, die sie bis zu ihrem Lebensende immer wieder malt, sind für mich das Beeindruckendste ihres ganzen Schaffens. Vor allem die letzten Selbstbildnisse, ab 1944. Man sieht die Künstlerin langsam aber unaufhaltsam verschwinden aus der sichtbaren Welt.


Selbstbildnis in schwarz und rosa, 1945
Selbstbildnis mit rotem Punkt, 1945
Selbstbildnis, 1944


Selbstbildnis, Licht und Schatten, 1945



Selbstbildnis, 1945
letztes Selbstbildnis, 1945

Helene Schjerfbeck stirbt am 23.01.1946 in Schweden und wird in Finnland neben ihren Eltern begraben.

"Eines Tages wird man das Schaffen dieser finnischen Künstlerin zum europäischen Kulturerbe zählen." (Ragnar Jossephson 1937 anlässlich der zweiten Einzelausstellung in Stockholm)





Danke an den Hirmer Verlag, für den schönen und informativen Ausstellungskatalog und die Hamburger Kunsthalle, für die erste Einzelausstellung von Helene Schjerfbecks Werk in Deutschland.

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