"Müssen wir denn auf alles verzichten???"


"Geld kann Leben nicht kaufen." Bob Marley

"Wie viele Dinge es doch gibt, die ich nicht brauche." Sokrates


Ich stamme aus einem Land, in dem nicht alles, zu jeder Zeit, zu haben war. Im Winter gab es Äpfel und manchmal Orangen. Die verfügbaren Gemüse waren Karotten, Rübchen, unterschiedliche Kohlsorten und Kartoffeln, dazu verschiedenes, haltbar gemachtes vom Sommer.
Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie ich mich auf den ersten Schnittlauch, die ersten Radieschen, den ersten Blumenkohl des Jahres freute. Was für ein Genuss war es, die erste Scheibe Brot mit Butter und Gurkenscheiben zu essen. Am Beginn meines Lebens in der BRD hörte ich immer wieder: "Ihr Armen, wie konntet ihr das nur aushalten?" Heute muss ich euch sagen, ich vermisse es. Alles ist immer da. Kein Grund zur Freude. Es ist egal. Ich finde das traurig und es ist ein echter Verlust für mich. Etwas nicht haben zu können, weil es grade nicht wächst, ist für die meisten kaum vorstellbar und trotzdem müssen wir uns endlich daran gewöhnen.

Verzicht ist hierzulande ein ganz böses Wort. Bei einer Diät oder in der Fastenzeit gehen wir es heroisch an. Wir verzichten auf Fleisch, Süßigkeiten, Zigaretten oder Alkohol und fühlen uns, als würden wir damit die Menschheit retten, oder zumindest uns.
Wenn ich die Frage höre:Müssen wir denn auf alles verzichten?, kann ich nur sagen:Ja!?.
Denn was ist denn gemeint mit diesemalles? Meistens geht es um das, was eigentlich verzichtbar wäre, worauf man aber ungern verzichten will, weil es Spaß macht: Fleisch, große Autos, das neueste Smartphone, Erdbeeren im Winter oder wie grade bei Aldi gesehen: Spargel im März, aus Peru! Als könnten wir nicht noch ein paar Wochen warten bis der hiesige reif ist.
Warum nicht unser Handy benutzen bis es auseinander fällt, das Auto fahren bis es wirklich nicht mehr zu reparieren ist oder noch besser ganz auf ein eigenes verzichten?

Für mein Überleben brauche ich das alles nicht, nicht mal für ein gutes Leben. Für ein gutes Leben brauche ich ein Dach über dem Kopf, gesundes Essen, eine gute Krankenversorgung, Freunde und einen Sinn. Alles andere ist Luxus, den wir gerne hätten, aber nicht brauchen. Das Schlimme daran ist, dass wir andere Menschen für diesen Luxus zahlen lassen. In Pakistan für unsere billigen Klamotten, in Südamerika für billigen Kaffee und billige Bananen, in China für unsere Handys, in Afrika für billige Rohstoffe. Unsere eigenen Kinder müssen in der verdreckten Luft, in verdreckten Flüssen, auf verseuchtem Boden leben, damit wir weder auf billiges Fleisch noch auf überdimensionierte Autos verzichten müssen.

Unsere Kinder und noch mehr unsere Enkel und Urenkel werden verzichten müssen. Es wird nämlich kein kostenloses Wasser mehr geben, wenn wir jetzt nicht auf Nestlé und Co. verzichten. Es wird keine atembare Luft mehr geben, wenn wir jetzt nicht auf eigene Autos und viele nutzlose Produkte verzichten. Die Urwälder werden verschwunden sein, wenn wir nicht auf billiges Palmöl, billigen Kaffee, billiges Soja usw. verzichten. Natürlich können wir sagen, der Hauptverursacher aller Schäden sei die Industrie. Ja vielleicht, aber für wen existiert die denn? Doch dafür, dass wir weiterhin Fernseher, Computer, Handys, Klamotten usw. billig kaufen können.

Es ist immer wieder zu hören, es ginge nicht um Verzicht, man solle nur Bio und Öko und regional kaufen. Ich glaube aber, es geht genau darum. Was ist an Bio-Quinoa oder Bio-Chia-Samen oder Bio-Äpfeln aus Chile denn bitte gut? Uns geht es damit vielleicht besser, aber den Bauern dort? Tragen wir für sie keine Verantwortung? Verschmutzen Flugzeuge mit Bio-Fracht an Bord die Luft nicht? Darf es uns egal sein, dass für diese Produkte Urwälder abgeholzt werden? Wir hecheln als "Ökos" den neuesten Bio-Produkten genauso hinterher, wie "Grillmaxe" dem billigen Schweinefleisch.
Wir müssen endlich anfangen zu verzichten!

Wir sollten der Zeit, der Lebenszeit, wieder einen angemessenen Wert geben. Zeit, die wir mit dem Beschaffen von Geld verschwenden, für all die Sachen, die wir uns leisten wollen, für die wir dann keine Zeit mehr haben. Wenn wir anfangen weniger zu kaufen, weniger zu wollen, werden wir nach und nach weniger Geld brauchen. Wenn wir weniger Geld brauchen, werden wir weniger arbeiten müssen, wir werden mehr Zeit haben. Mehr Zeit für unsere Kinder, mehr Zeit für unsere Freunde, mehr Zeit für uns. Und mehr Zeit für die wichtigen Dinge im Leben, nämlich für andere da sein und eben nicht auf Kosten anderer leben. Kein Schmarotzer, sondern ein nützlicher Teil der Weltgemeinschaft sein. Das ist doch der eigentliche Sinn des Lebens, oder?


Kommentare