"Mein Geheimnis ist, dass ich keins habe." Hanne Darboven




Vieles in ihrem Werk habe ich nicht verstanden. Aber ich habe sie bewundert. Bewundert für die Rückhaltlosigkeit und Radikalität, mit der sie sich ihrer Kunst widmete. Kompromisslos ging sie ihren Weg und konsequent lebte sie ihr Leben, das Leben einer Künstlerin. Ich frage mich, welchen Charakterzug muss ein Mensch, eine Frau, eine Künstlerin besitzen, um so radikal und klar den eigenen Weg zu gehen? Ich weiß nur wenig über den privaten Teil ihres Lebens. Seit dem Tod ihrer Eltern war sie allein und nahm sich einmal am Tag, für eine Stunde, Zeit für ihre Freunde. War sie einsam? Ich glaube nicht, denn sie war den ganzen Tag beschäftigt. Auf die Frage was sie gern sein möchte, sagte sie: "Weiter!" Sie war mit Weiterkommen beschäftigt. Und dorthin konnte keiner ihr folgen.

Schon sehr früh ließ sie traditionelle Sichtweisen auf Malerei hinter sich. Auf der Suche nach dem ihr "Ureigenen" knüpfte sie Kontakte zu Künstlern wie Sol de Witt und anderen Vertretern der Minimal-Art in New York.
"Ich verweigere  Ausdrucksformen, ich vermittle streng formalistisch..." Sie begann Blätter vollzuschreiben, mit Kalenderdaten, Quersummen, Wellenlinien, Tagebucheinträgen. Später bezog sie auch Gedichte und Gegenstände mit ein. Und das ist mir neu, Musik. Mathematische Gedichte, mathematische Kompositionen.
Ihr Werk, in Holzrahmen "verpackt", bedeckt ganze Museumswände. Sie wollte die verrinnende Zeit und ihre Erinnerungen strukturieren.
Jeden Morgen um vier setzte sich Hanne Darboven an ihren Schreibtisch und arbeitete bis mittags. Sie schrieb Zahl um Zahl, nach einem nur ihr begreiflichen System. 40 Jahre lang verwandelte sie gelebte Zeit in Zahlen.

Ich kenne nur ein paar Fotos von ihr. Ein strenges Gesicht, ein schmaler Körper, immer mit einer Zigarette in der Hand. Für mich bleibt sie eine geheimnisvolle Künstlerin, auch wenn sie von sich selbst meinte, dass sie sehr einfach sei:

„Denn eins und eins ist zwei – und das kann meines Erachtens nun wirklich jeder begreifen.“

Sollte man versuchen ihr Werk zu entschlüsseln? Meine Antwort ist: "Nein!". 
Ich hab mir vorgenommen, wenn ich das nächste Mal in einer Ausstellung auf Hanne Darbovens Werk treffe, mich hinzusetzen und mit jeder Zahl, jedem Buchstaben, dem Vergehen der Zeit nachzuspüren. Vielleicht wollte Sie ja gar nichts anderes, als uns das Vergehen und damit den Wert unserer Lebenszeit vor Augen zu führen.

Fotos: Hanne Darboven; Bundeskunsthalle Bonn / VG Bild-Kunst, Bonn 2015 / Maximilian Geuter



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