Liebe Dunja Hayali,

als ich heute morgen meine E-Mails kontrollieren wollte, sprangen mich als erstes die Bilder aus Syrien an: "250 Tote, 1200 Verletzte, in 48 Stunden, vor allem Zivilisten", gleich danach kamen die Bilder vom Abschiebeflieger nach Afghanistan. Jetzt sitze ich da und denke, ich halte das nicht mehr aus. Wie kann man das aushalten? Und das sind nur zwei Nachrichten. 

Gestern hörte ich eine Rede von Lisa Fitz vor den Demonstranten, die wegen der Sicherheitskonferenz in München auf der Straße waren. Sie sprach über Informationen, die besagten, dass all diese Kriege im Irak, in Somalia, in Syrien vom US-Militär schon lange geplant waren, dass der IS gezielt von den USA aufgebaut wurde. Ja, geschenkt, dass wusste ich schon vorher, aber immer mit einem kleinen Zweifel, das kann doch eigentlich gar nicht sein, oder? Es dort so zu hören, hatte eine andere Qualität. Es erschütterte mich tief.

Gestern hörte ich auch Ihre schöne Rede in Dresden. Sie sprachen über Dresden und das Ruhrgebiet, darüber, was Heimat ist, warum Menschen nach Deutschland kommen, was die Attraktivität von Deutschland ausmacht. Ich respektiere Sie, weil Sie zuhören können, auch denen die nicht Ihrer Meinung sind. Sie sind mutig und haben Haltung. Ich frage mich, wie halten Sie diese Bilder aus. Dieses Wissen, um das, was in der Welt täglich geschieht, lässt es Sie schlafen? Täglich Tote. Auch verantwortet von uns. Immer wieder verantwortet von uns. Wie macht man das, sich vor diesem Wissen zu verschließen? Wie kümmert man sich um sein Geschäft, seine Arbeit, geht zum Sport oder zum Tanztee, ohne diese Bilder im Kopf? Ich kann das nicht. Sie sind immer da. Sie zerreißen mich, machen mich wütend und unendlich traurig. Soviele Menschen, soviel Leid, soviele Kinder.
Ich schaue auf die Menschen um mich rum. Viele von ihnen versuchen so wie ich, den Bildern und Nachrichten aus dem Weg zu gehen. Aber sind sie deswegen denn weg? Wir wissen doch trotzdem davon! Was macht es mit uns, wenn wir diesem Sterben untätig zuschauen? Natürlich bekomme ich zu hören, dann tu was, geh auf die Straße, demonstriere! Ja! Das ist alles richtig, aber mich lähmt die schiere Größe der Aufgabe.

Manchmal wenn ich Sie höre, denke ich, wir reden, wenn es um Deutschland geht, von zwei verschiedenen Ländern. Aber wir meinen das gleiche Land, wir haben nur völlig verschiedene Blickwinkel. Ich sehe ein Land, das versagt. Eins der reichsten Länder der Erde übernimmt die Verantwortung nicht, die es tragen sollte. Nicht im eigenen Land und auch nicht außerhalb. Die Regierung biedert sich den Rechten an, statt die NSU-Morde wirklich aufzuklären, sie erhöht sich die Diäten, statt in Bildung zu investieren. Anstatt Geld in die Ausbildung der jungen Menschen hier zu stecken, holt sie bestens ausgebildete Fachkräft aus anderen Ländern weg, dort ausgebildet und gebraucht. Dafür haben wir hier wiedermal gespart? Wenn sie nicht mehr gebraucht werden, sollen sie dahin zurück "wo sie herkommen"?
Und im Ausland? Wieviele Länder wollen wir eigentlich noch kaputt sparen? In wieviele Länder noch einmarschieren, wieviele Länder mit unseren Abfällen zumüllen?

Warum, frage ich Sie, haben wir jahrzehntelang nichts über den "desolaten" Zustand der Bundeswehr gehört und jetzt, wo Trump von uns verlangt den Rüstungsetat zu erhöhen, läuft es in allen Nachrichten von morgens bis abends? Wie soll man da noch glauben, dass das nicht Methode hat? Ich möchte Ihnen ja gerne glauben, wenn Sie wie in Dresden sagen, es gäbe keine Einflussnahme von außen auf die Berichte, aber ich kann es nicht. Nicht mehr. Ich fühle mich verschaukelt, eingelullt und ja, auch ausgelacht, weil ich immer noch glauben möchte. Soll ich Ihre Kollegen von der "Anstalt" beim Wort nehmen, die mir zeigen wie eng die Redaktionen der "Zeit", der "Welt" und anderen mit den u.a. Rüstungslobbyvereinen verbandelt sind oder Ihnen? Es gibt solche und solche Journalisten. Das ist ein Fakt. So zu tun, als wäre der Berufsstand des Journalisten ein durch und durch nur redlicher, ist Augenwischerei. 

Ich wünschte mir, dass in unseren Medien nicht diese kühle, fast ohne Gefühl dargebotene Informationsvermittlung vorherrschen würde, jemand auch mal in Tränen ausbricht angesichts der Bilder, Nachrichten unterschiedlich gewichtet werden, dass Nachrichten aufrütteln und sagen, Leute, wir dürfen nicht so tun als ob die frierenden Zuschauer bei der Olympiade in Korea, genauso wichtig sind, wie die toten Kinder in Syrien oder sonstwo auf der Welt. Wir dürfen nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Wir und auch Sie als Journalisten müssen lauter, unüberhörbarer und ja, auch parteiischer werden! Partei ergreifen für die wirklich Unschuldigen und gegen die, die die Verantwortung für deren Leid tragen. Gegen die Lobbys, die von Kriegen profitieren, gegen eine "Regierung", die ihre Verantwortung nicht trägt, gegen die, die nur zu Hass und Gewalt fähig sind. Und auch lauter gegen uns, die satte Masse, die vor Angst sich nicht vom Sessel wegbewegt, 1000 Ausreden findet, 1000 Anderen die Schuld gibt.

Liebe Frau Hayali,
bleiben Sie so mutig und offen wie Sie sind, lassen Sie sich vom Hass nicht kleinkriegen. Auch wenn ich Ihre Sicht auf  Deutschland nicht immer teilen kann, zeigen Sie mir, dieses Land muss auch gute Seiten haben, sonst wären Sie nicht wie Sie sind. Deutschland hat jemanden wie Sie wachsen und werden lassen und deshalb ist die Hoffnung noch nicht ganz verloren.

Grüßen Sie Ihre Eltern und sagen Sie Ihnen, sie können stolz auf Sie sein!

Herzlichst Ihre Bärbel Thürer 







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